Ihr könnt mir glauben: Ich bin kein verpeilter Mensch. Aber tatsächlich komme ich jeden Tag zwei Minuten zu spät zu meinem Zug. Und ich meine exakt zwei Minuten. Ich habe mir das in jungen Jahren auf Grund von Zeitdruck angewöhnt. Nun ist die Verspätung eingeplant.
Mein Name ist Robert Fisher, ich lebe alleine, bin Professor und seit kurzem in Rente. Jeden Tag fuhr ich mit dem Zug von Manhattan nach Brooklyn. Ich war diszipliniert, ordentlich und pünktlich. Wichtige Eigenschaften.
Meine Zugfahrten waren stets trist und einsam. Der Zugfahrer war jeden Tag derselbe. Hätte ich ihn nicht schon über viele Jahre gekannt, und wäre er nicht extra für mich jeden Tag zwei Minuten später losgefahren, hätte ich jeden Tag das Auto zur Arbeit nehmen müssen. Welches ich nicht habe.
Doch am letzten Tag meines langen Arbeitslebens ist mir etwas passiert, das mir in fünfunddreißig Jahren Berufsleben noch nie passiert ist. An diesem Freitag ging die Vorlesung länger als üblich. Fast bis halb acht abends. Bis meine Studenten all ihre Fragen gestellt hatten, war es beinahe acht. Nachdem ich mich dann endlich aus dem Hörsaal kämpfen konnte, wollte ich noch in mein Büro. Ein bisschen arbeiten.
Aber man ließ mich nicht. Stattdessen tat man mir das Schlimmste an. Man veranstaltete eine Abschiedsparty. Ich hasse Abschied und ich hasse Partys und ich hasse dieses Wort.
Man erinnerte mich daran, dass nun die triste und langweilige Zeit meines Lebens begann, vor der ich mich jahrelang gefürchtet hatte. Jahre der Einsamkeit und Unbrauchbarkeit.
Nun gut, ich aß ein Stück eines widerwärtigen Kuchens, rein aus Anstand. Trocken, dass es einem das Wasser aus dem Mund sog. Süß, viel zu süß.
Anschließend konnte ich sieben Professoren aus meinem Büro scheuchen. Die Kollegen versuchten noch mich zu überzeugen, meine Arbeit »die Tage« zu machen. Aber ich habe all die Jahre lang meine Arbeit stets sofort erledigt und ich hatte nicht vor, das am letzten Tag noch zu ändern. Vor allem hatte ich keine Lust, mich länger als nötig mit diesen Schleimschnecken zu unterhalten. Dieses Wort habe ich etabliert. Es bedeutet so etwas wie langsame Schleimbeutel. Einmal hat ein Kurs darüber geschmunzelt.
Gegen Viertel vor elf hinterlegte ich meinen Bücherei-Ausweis bei meiner Sekretärin und verließ die Universität ein letztes Mal. Ganz New York ist voller U-Bahnen, nur nicht da, wo meine Universität liegt. Deshalb musste ich immer umsteigen.
Ich stand also Freitagnacht an einer Straßenbahnstation neben dem üblichen kapuzenbehangenen Volk und wartete auf meine Bahn. Diese kam eine Viertelstunde zu spät – wie jeden Tag – und hielt gegen Viertel nach elf an meiner Station. Die dunklen Gestalten stiegen hinten ein, ich stieg vorne beim Lokführer ein.
»Hallo, ich fahre drei Stationen weiter«, sagte ich zum Fahrer und zeigte ihm meine Dauerkarte.
»Hallo, Herr Fisher, ich hoffe, ihr Tag war genauso gut, wie gestern«, erwiderte der Fahrer mit einem kurzen Lächeln.
Ich nickte langsam mit dem Kopf. Und ging in die Bahn. »Ja, danke.«
Genau dieses Gespräch haben wir beide über fast fünfunddreißig Jahre jeden Abend geführt. Vor zwanzig Jahren hätte ich ihn fast nach seinem Namen gefragt. Aber ich hatte mir auf die Zunge gebissen, und wir haben es tatsächlich geschafft, dieses Gespräch exakt achttausendsiebenundvierzig Mal zu führen.
Normalerweise stehe ich immer an der Stange links von der Tür, aber sie war besetzt.
So vorsichtig wie möglich stellte ich mich ganz nah an meine Stange ran, um wenigstens ein Stück dran zu sein. Glücklicherweise dauerten die Fahrten bis zur U-Bahn immer nur wenige Minuten.
Dort angekommen machte ich mich sofort auf, zu meinem Gleis, das dummerweise am anderen Ende der Station lag. Noch bevor ich die Bahnstation verlassen hatte, rempelten mich die dunklen Gestalten aus der Bahn an.
»Ey, pass doch auf!«, blaffte mich einer davon an und baute sich vor mir auf. Die anderen stellten sich hinter ihn.
Mein beiger Mantel war verrutscht und offenbarte meinen Anzug.
»Pass auf, wo du hintrittst, Alter«, sagte ein anderer und schubste mich nach hinten. Dann liefen sie weiter und ich rückte meinen Mantel gerade. Ich blickte auf meine Uhr; noch eine Minute – eigentlich drei, weil mein Lokführer wartete. Ich musste also rennen, mein Ticket rausholen und gleichzeitig aufpassen, dass ich nicht die Linien zwischen den Steinen berührte.
Fünf vor halb zwölf – noch zwei Minuten. Exakt zwei Minuten.
Während ich rannte, merkte ich, dass die Typen mir das Portemonnaie gestohlen hatten. Mein Atem wurde schneller, entwickelte sich zur Schnappatmung. Schlimmer konnte dieser verdammte Tag nicht werden!
Etwas panisch grapschte ich in meiner Hosentasche herum und fühlte erleichtert ein paar Münzen. Vielleicht konnte ich mir noch ein Ticket kaufen. Also rannte ich noch schneller. Ich trat sogar auf eine Linie. Ich riss mich zusammen. Ich lief einfach weiter. Das funktionierte. Verrückt – man konnte also wirklich auf die Linien treten. Das eigentliche Problem wartete allerdings erst kurz vor meinem Gleis. Der Boden war in bunten Fliesen gelegt und irgendwie musste ich darüber, ohne die roten Platten zu berühren. Ich hatte keine Zeit zu denken, ich hielt mich lieber an altbekannte Muster. Irgendwann konnte ich ausbrechen. Irgendwann.
Ich sprang von links nach rechts über die roten Platten an den Leuten vorbei. Ein paar rempelte ich an, das machte mich unruhig. Irgendwie schaffte ich es, tänzelnd und wankend das Gleis zu erreichen. Doch genau in dem Moment fuhr mein Zug ab. Um drei Minuten vor halb zwölf. Exakt um drei Minuten vor halb zwölf.
Der letzte Zug des Tages.
Kein anderer mehr, der mich von diesem Ort hätte wegbringen können. Nicht einmal mehr genug Geld für ein Taxi. Irgendwer reduzierte das Licht auf ein Minimum. Einen Moment stand ich verloren herum. Der ganze Tag hatte schon gebröckelt und jetzt das!
Ich setzte mich. Schnaufte durch. Ich sackte etwas ein und verharrte so ein paar Minuten. Es war sehr bequem. Der Tag war anstrengend gewesen, es tat gut, einfach mal zur Ruhe zu kommen. Abschalten. Ich wurde schließlich nicht mehr gebraucht.
Keine Verpflichtungen. Komisches Gefühl.
Und in diesem Moment hatte ich das erste Mal nach über fünfunddreißig Jahren Zeit. Zeit und Freiheit. Mein Kopf war leer. Jahrzehnte war er voll gewesen, jetzt auf einmal … nichts, das mich beschäftigte. Dieses Sitzen, diese Langeweile, ein gutes Gefühl. Es war leicht und luftig. Dieses Nichts. Irgendwie machte das etwas mit mir.
Ich saß und beobachtete die Menschen. Die Station leerte sich langsam. Manche gingen eilig, manche schlenderten umher, doch alle hatten ein Ziel, irgendeine
Richtung, in die sie gehen mussten.
Jeden Tag zur Uni hin, Leuten, die mäßiges Interesse haben, etwas erzählen, was ich auch nur nachgelesen habe. Dann wieder nach Hause fahren und das Ganze wiederholen. Was sollte das eigentlich?
Ich wusste selbst nicht richtig, was mit mir in diesem Augenblick passierte. Die Außenwelt verschwamm, aber das merkte ich nicht. Plötzlich war alles weg, was ich jemals gewusst habe. Alles, was ich für richtig oder selbstverständlich hielt, ergab keinen Sinn mehr. Und weil ich nichts mehr verstand, verstand ich plötzlich alles. Ich musste weg. Ich ging weg, ich rannte weg, ich wusste nicht wieso, aber es hat sich verflucht richtig angefühlt. Frei. In irgendeiner absurden Weise gab mir das Kraft.
Und ich lief und ich lief und ich glaube, es hat geklappt.
Hinterlasse einen Kommentar