Chiara Kügler: Herzklopfen (Romanprojekt, 2020)

Es war Montagmorgen und ich war mal wieder zu spät dran. Typisch. In London herrschte der übliche Verkehr auf den Straßen und auf dem Bürgersteig und es war schlecht durchzukommen. Das Wetter war für England mal nicht verregnet. Die Sonne glühte vom Himmel herab und die ungewöhnliche Hitze erschwerte das Vorankommen.

„Pass doch auf!“, rief ein Mann mit Krawatte und glänzenden schwarzen Lackschuhen, den ich aus lauter Eile angerempelt hatte. „Sorry“, rief ich schnell zurück und hastete weiter durch die Menschenmenge. Fünf vor zehn. Mist! Ob ich es schaffen würde, pünktlich um zehn vorm Museum am Trafalgar Square zu sein? Wohl kaum. Und warum mussten wir überhaupt heute ins Museum gehen?

Nach etlichen gehetzten Minuten, sah ich endlich die ersten Schüler, die wie ich auch die rote Schuluniform unserer Schule trugen.

„Hey, Krisi, du hast  es heute mal rechtzeitig geschafft!“, rief mir Issi zu und empfing mich mit einem neckischen Lachen.

„Hey, Issi!“ Ich begrüßte meine Freundin, die ihre braunen Haare heute offen trug. Das brachte ihre smaragdgrünen Augen noch mehr zur Geltung. „Sind Mr. Katerly und Mrs. Rogers schon da?“

Issi schüttelte den Kopf. „Ne, die haben sich verlaufen. Wetten?!“

„Hey Girls, was geht?“, rief Steve, der so aussah als ob er gerade aufgestanden wäre, so verstrubbelt waren seine dunkelblonden Haare. Außerdem hatte er einen Fleck auf seiner Krawatte, der wahrscheinlich von Tee stammte.  Neben ihm stand Nico. Nico war ca. einen halben Kopf größer als Steve, obwohl der so um die 1,90 war. Nico war auch recht schlank und, um ihn in meinen Worten zu beschreiben, ein Lauch. Außerdem hatte er blaue Augen, die je nach Licht in einem anderen Blauton strahlten. Ich fand, dass er mit seinen rotbraunen Haaren gar nicht so schlecht aussah.  Meine Freundinnen waren überhaupt nicht meiner Meinung.

„Habt ihr eigentlich schon ein Date für den Ball?“, fragte Steve uns und sah dabei eigentlich nur Issi an.

Das hatte wohl auch Ines bemerkt, die gerade an uns vorbeilief. Sie warf ihre langen blonden Haare zurück. Uff, wie eifersüchtig konnte man nur sein?  Ines war eines der beliebtesten Mädchen der Schule und kam nicht damit zurecht, wenn ein Junge mal nicht auf sie stand, sondern auf ein anderes Mädchen. Um es genau zu sagen, war sie die Eifersucht in Person, wie jeder wusste. Dennoch wickelte sie fast jeden zweiten Jungen um den Finger. Sie mochte Steve ebenfalls, wie der Großteil der Mädchen auf unserer Schule.

„Nein“, sagte ich, um von Issi abzulenken, die in der Zwischenzeit so rot wie das Jacket unserer Schuluniform geworden war. Wenigstens so lange, bis meine Freundin wieder einen normalen Farbton angenommen hatte.

„Guten Morgen ihr Lieben“, rief Mr. Katerly, der neue, junge Lehrer, Mitte Zwanzig, der zusammen mit Mrs. Rogers kam. Sie sah so aus, als wäre heute nicht gut Kirschenessen mit ihr. Die beiden trugen wie wir die roten Blazer mit unserem Schulwappen. „Ich hoffe, dass alle da sind“, rief Mrs. Rogers.

Phebe kam mit ihren dunkelblonden,  schulterlangen Haaren auf uns zu.

„Auch schon da, Phebe?“, sagte Issi.

„Ja, Mum hat sich ein paar Mal verfahren“, antwortete Phebe und lachte. Phebe war die Tochter von Mrs. Rogers und kam meistens, genauso wie ihre Mutter, zu spät.

„Ich gehe mal kurz zu Mr. Katerly. Ich muss ihm noch Bescheid geben, dass ich früher gehen muss“, sagte ich und ging an den Jungs vorbei, rüber zu dem Lehrer, der gerade dabei war, die Anwesenheitsliste abzuhaken. „Guten Tag, Mr. Katerly.“

„Guten Tag, Mrs. Besson, was gibt es so Wichtiges, dass sie mich stören?“ Ich mochte den Lehrer nicht, obwohl er eigentlich ganz gut aussah. Er war Amerikaner und es war meistens etwas schwierig Mr. Katerly zu verstehen. Dazu erinnerte er mich manchmal an Professor Lockhart aus Harry Potter. Er war total arrogant und schien sich für etwas Besseres zu halten. Und Menschen, die so arrogant waren, konnte ich gar nicht leiden.

Ich räusperte mich: „Ich müsste heute um zwölf Uhr gehen, da mein Vater und ich die deutsche Austauschschülerin vom Flughafen abholen müssen.“

 „Ah ja, okay, geht klar“, sagte der Lehrer.  „Allerdings…“  Warum wunderte es mich nicht, dass er für das Frühergehen eine Gegenleistung in Form von Extra-Hausaufgaben forderte? 

„Geht klar“, sagte ich und verdrehte die Augen, nachdem ich ihm den Rücken zugewandt hatte. Oh Mann! Das war doch total unnötig! Die Aufgaben wollten wir doch sowieso morgen in der Schule erledigen. Ich ging zurück zu meinen Freundinnen und warf Nico, der bei Robin und Steve stand, einen kurzen Blick zu. Genau in der selben Sekunde schaute er zu mir und ich wurde rot.

Mrs. Rogers und Mr. Katerly stellten sich auf die obersten Stufen der Treppe, um sich einen Überblick zu verschaffen. „Guten Morgen, ihr Lieben!“ Mrs. Rogers rückte ihre runde Brille zurecht. „Ihr werdet gleich in Zweier- oder Dreier-Gruppen in die National Gallery gehen und zu zwei Bildern, die ihr euch aussuchen dürft, Informationen suchen. Morgen müsst ihr dann in der Schule einen Text dazu schreiben. Die Gruppen haben wir bereits eingeteilt.“ Ein deutliches Murren kam auf. Mr. Katerly überhörte dies gekonnt und schlug die Liste auf. „Zur ersten Gruppe gehören Ines Fernes, Isabella Pustet und Steve Evenson.“ Issi warf mir einen hilfesuchenden Blick zu, während sie nach vorne ging.

Ich sah ihr an, dass sie sich unwohl fühlte, aber da konnte man nichts machen. Ich zuckte verzweifelt die Schultern.  Die Gruppe bekam einen Plan und ging hoch ins Museum.

„Die nächste Gruppe besteht aus Krisi Besson, Juliette Westermann und Nico Edgecumb“, las Mr. Katerly vor und übergab uns ebenfalls einen Museumsplan. Was? Nico? OMG! Das durfte doch nicht wahr sein!

Zusammen mit Juliette und Nico gingen wir hoch zum Eingang. In der großen Eingangshalle standen wir erstmal ratlos herum.

„Wo sollen wir zuerst hingehen?“, fragte Nico.

„Mir ist es ehrlich gesagt egal was ihr macht“, sagte Juliette und warf ihre langen braunen Haare zurück. „Wisst ihr, ich suche einfach ein Bild aus und ihr sucht euch eins aus.“ Gesagt getan, sie drehte sich um und verschwand durch eine der Durchgänge.

„Das war mal ein Abgang“, sagte ich zu Nico. Innerlich jauchzte ich und war so froh, dass Juliette auf eigene Faust losgegangen war.

„Dann lass uns auch mal umschauen.“ Nico schaute mich aus seinen hellblauen Augen an.

Ich nickte und dann rutschte es mir heraus: „Ist wahrscheinlich auch besser so. Sie würde uns doch eh nur nerven“. Ich wusste nicht warum ich das gerade gesagt hatte und bereute es im nächsten Moment auch schon.  Peinlich!

Bald standen wir vor einem großen Bild mit einem Pferd. „Das ist ein schönes Bild“, sagte Nico.

„Ja, es ist eins der berühmtesten Pferdebilder, allerdings wird bestimmt eine der anderen Gruppen das Bild auch nehmen.“ Ich sah ihn an. Oh Mann! Wie konnte man nur so gut aussehen?!

„Wollen wir weitergehen“, fragte er mich.

„Ja klar!“ Schnell wandte ich meinen Blick von ihm ab, um nicht beim Starren erwischt zu werden.

„Wann musst du eigentlich los?“

Ich schaute auf mein Handy. „Ich soll um Viertel vor Zwölf draußen sein.“ Ich sah sofort wieder auf eines der Bilder, um ihn nicht anzusehen. Meine Angst davor, dass meine Blicke mich verraten könnten, war einfach zu groß. „Aber ganz ehrlich, ich habe nicht wirklich Lust darauf“, sagte ich.

„Kann ich verstehen. Hast du diese Austauschschülerin vorher eigentlich mal gesehen?“

„Nein, bei diesem einen Telefonat mit meinen Eltern war ich auf einem Turnier.“

„Mies! Aber können deine Eltern hinter deinem Rücken einfach darüber entscheiden?“ Er setzte sich auf eine der Museumsbänke und ich setzte mich neben ihn. Der Raum war recht schlicht gehalten. Es standen ein paar Skulpturen herum und an den Wänden hingen verschiedene Gemälde.

„Ich will dich jetzt nicht mit meinen Problemen volltexten“, sagte ich.

„Hey, kein Problem“. Er lachte und ich musste ebenfalls anfangen. „Wie wär‘s wenn wir das Bild nehmen?“ Er zeigte auf das Bild, das direkt vor uns hing. Darauf war eine Eule zu sehen, oder war es ein Pfau?

„Sieht echt cool aus, eine Mischung aus Eule, Huhn, Pfau oder Adler.“

„Am besten schreiben wir alles auf.“ Nico zog seinen College-Block heraus.

Ich lächelte: „Wie wär’s, wenn du beschreibst und ich aufschreibe?“ Nico gab mir seinen Block und einen Stift. Dabei berührten sich unsere Hände ganz leicht und ein Prickeln durchfuhr meine Hand. „O… okay, dann lass uns loslegen“, stotterte ich und suchte eine freie Seite.

Die Zeit verging viel zu schnell und ich hatte das Gefühl, jede Sekunde mit ihm festhalten zu wollen. „Ich glaube wir haben´s“, sagte ich nach einer Weile und schaute auf.

„Wollen wir nachher noch telefonieren und alles in einem Text zusammenschreiben?“, fragte Nico mich.

„Klar können wir machen“, sagte ich so cool wie möglich, obwohl meine Ohren nicht glaubten, was sie da hörten. Hatte er mich das tatsächlich gefragt? Ein zartes Lächeln zierte seine Lippen und ich musste mich zurückhalten, um nicht breit zu grinsen. Warum war sein Lächeln immer so ansteckend?

„Ab wann hättest du denn Zeit?“

„Je nachdem wie es mit der Austauschülerin abläuft, könnte ich vor der Reitstunde ein bisschen“, antwortete ich.

„Ich rufe dich dann an oder schreibe dir, wenn ich zu Hause bin.“

Ich nickte. Ich glaube, ich war so rot wie meine Uniform.

Nachdem wir uns eine Weile unterhalten hatten, wurde Nico etwas seltsam. Er druckste herum und schaute verlegen vor sich hin: „Kann ich dich was fragen?“

„Klar“, antwortete ich ihm und spürte dabei wie mein Herz vor Aufregung Purzelbäume schlug.

„Hast du Lust mit mir….“ In dieser Sekunde klingelte mein Handy. Warum ausgerechnet jetzt? Hätte dieser Mensch nicht noch drei Sekunden warten können? Ich warf Nico einen entschuldigenden Blick zu.

„Ja, Mum?“, meldete ich mich schnell, nachdem ich ihre Nummer erkannt und angenommen hatte.

„Ich bin in fünf Minuten da, sei dann bitte schon mal draußen.“

„Wie? Ich dachte Papa holt mich ab?“

„Der Hufschmied kommt doch heute und da muss er kurz hin und danach muss er wieder zur Arbeit. Ach, das erkläre ich dir später.“ Und schon legte meine Mutter auf.

„Hey, ich muss leider schon los, was wolltest du fragen?“ Ich gab Nico seinen College-Block und den Stift zurück.

„Ach, war nicht so wichtig.“ Er fuhr mit einer Hand durch seine Haare.

Wich er mir aus? „Du kannst mich ruhig fragen“, sagte ich während ich mein Herzklopfen in allen Fasern meines Körpers spürte. Insgeheim hatte ich gehofft, dass Nico mich auf den Ball einlädt.

„Ach“, sagte er. „Ich weiß es eh nicht mehr, vielleicht fällt es mir nachher wieder ein…“

„Na gut“, sagte ich widerwillig und eigentlich ziemlich enttäuscht. „Okay, ich muss los, bis nachher.“

„Bis nachher!“ Er lächelte sein ganz bestimmtes Lächeln. Bevor ich durch die große Eichenholztür ging, drehte ich mich noch einmal zu Nico um und winkte ihm zum Abschied zu.

Auf dem Vorplatz rief ich meine Mutter an. „Mum wo genau soll ich hinkommen?“

„Ich stehe am Parkplatz für die Busse“, sagte sie. Zum Glück waren es vom Museum bis dahin keine zwei Minuten. Ich konnte von weitem das Auto meiner Mutter erkennen.

„Hey, Mum“. Ich öffnete die Beifahrertür, warf meinen Rucksack auf die Rückbank und stieg ein. „Ich hab dir Wechselklamotten mitgebracht“, sagte Mum und gab mir eine Tüte, in der ich eine blaue Skinny-Jeans, ein graues T-Shirt und ein paar weiße Converse fand. Ich beeilte mich, doch das Umziehen stellte sich als äußerst kompliziert heraus. „Wann kommt denn der Flieger an?“, fragte ich, während ich meine Schuhe zuband. Meine Mutter setzte den Blinker und fuhr los. „Um Viertel vor Eins“, sagte sie und konzentrierte sich vollkommen auf den Verkehr.

„Das ist ja schon in einer Stunde! Warum ist eigentlich nicht Dad gekommen, wie eigentlich geplant?“

„Das habe  ich doch schon erklärt: Vargan bekommt heute die neuen Hufeisen. Du weißt ja wie er sich anstellen kann. Ja, und danach muss dein Vater nochmal zur Arbeit.“

„Ja klar, Mum.“ Ich machte eine kurze Pause. Ich ärgerte über mich selbst, weil ich nicht das gefragt hatte, was ich eigentlich wissen wollte. Ich holte tief Luft und nahm meinen ganzen Mut zusammen: „Aber wieso wird mir und Jonny eigentlich nie etwas erzählt?“

„Wie meinst du das jetzt, Krisi?“ Mum setzte den Blinker erneut. Wenn wir endlich auf die Autobahn kämen, würde es alles viel  schneller gehen.

„Ich meine, erst wird hinter unseren Rücken entschieden, dass wir eine Austauschschülerin aufnehmen, …“ Ich schaute zu meiner Mutter. Sie trug immer noch ihre Arbeitssachen und hatte ihre dunkelblonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ich konnte sehen, dass sie versuchte, gelassen zu bleiben. „…und dann erfahre ich jetzt, dass heute auch noch der Hufschmied kommt. Sorry, aber Vargan ist schließlich mein Pferd und es nervt echt, wenn ihr Jonny

und mir nichts sagt.“

„Tut mir leid, Krisi, wird nicht nochmal passieren“, sagte meine Mutter zu meiner Überraschung.

„Na gut“, sagte ich widerwillig, um sie nicht doch noch zu verärgern. „Wie heißt eigentlich diese Austauschschülerin?“

„Sie heißt Ella Dietz und sie ist genauso alt wie du.“ Wir hielten an einer roten Ampel an. Dass der Verkehr in London stockte, war normal. Aber heute mussten wir fast an jeder Ampel stehen bleiben.

„Sie scheint ganz nett zu sein, zumindest kam sie bei dem Telefonat so rüber“, sagte Mum. Ich nickte und schaute aus dem Fenster. Endlich waren wir auf der Autobahn und auf dem direkten Weg zum Flughafen.

Im Radio lief gerade ein Lied von ‚Why don`t we‘, einer amerikanischen Band, die zur Zeit immer bekannter wurden. Ich summte leise mit. Kurz bevor wir am Flughafen ankamen, bekam ich eine Nachricht von Issi und Phebe.

„Und? Wie war eure Gruppenarbeit? Ich war mit Robin allein in einer Gruppe“, schrieb Phebe.

„Total blöd“, antwortete Issi. „Ines hat sich die ganze Zeit an Steve rangemacht.“

Oh Mann! Issi konnte aber manchmal ziemlich eifersüchtig sein. Ich schrieb: „Bei mir war es ganz entspannt. Wir sind jetzt gerade am Flughafen angekommen. Melde mich später!“

Meine Mutter fuhr auf den Parkplatz am Flughafen und stellte den Motor aus. Ich schnallte mich ab und nahm meinen Rucksack von der Rückbank.

„Wie findet sie uns eigentlich, also woher weiß sie, wie wir aussehen?“, fragte ich, während ich die Tür zuschlug und nach hinten, zum Kofferraum ging, und meinen Rucksack hineinlegte.

Meine Mutter hatte ein braunes Pappschild herausgekramt und hielt ihn hoch: „Ich habe ein Schild mit ihrem Namen gemacht.“ Mum schloss den Wagen ab und zog mich am Ärmel. „Los komm, wir müssen uns beeilen, es ist schon fünfundzwanzig.“ Warum musste meine Mutter immer so hetzen?

Im Flughafengebäude schauten wir nach, um wieviel Uhr der Flug genau ankommen sollte. Tatsächlich kam der Flieger schon um fünfunddreißig und nicht um Viertel vor an, wie Mum es zuerst behauptet hatte. Ich schaute auf die Uhr, es war halb eins. Nur noch fünf Minuten. Hoffentlich würde diese Ella sich beeilen. Ich hatte keine Lust, die ganze Zeit am Flughafen zu verbringen. Eigentlich wollte ich so schnell wie möglich nach Hause, um vor oder nach der Fahrt zu den Pferden mit Nico zu telefonieren. Außerdem wollte ich auch vor der Springstunde mein Welsh-Pony Nero reiten. Nero hatte ich zum 15. Geburtstag letztes Jahr als Freizeitpony bekommen. Ich brachte ihm allerhand Tricks bei. Aber natürlich durften Vargan und Timber auch nicht zu kurz kommen. Obwohl ich mit den beiden fast jedes Wochenende auf einem Turnier war, außer in den Ferien.

Ich spürte mein Handy in meiner Hosentasche vibrieren, was eine neue Nachricht ankündigte. OMG! Ich schloss die Augen ganz fest bevor ich nachschaute. Ja! Sie war von Nico. Ein Lächeln machte sich auf meinen Lippen breit, als ich seinen Namen las. Normalerweise hätte ich ihm gleich geantwortet, aber ich beschloss noch zu warten und ihm im Auto in Ruhe zu antworten.

Oh Mann! Wie lange denn noch? Wie lange brauchte man bitteschön, um vom Flugzeug zum Gepäckband zu kommen? Okay, wenn man Pech hatte, konnte es schon etwas dauern, bis man alles zusammenhatte.

„Wie wird, das eigentlich in der Schule so ablaufen?“, fragte ich meine Mutter und setzte mich auf den Boden, weil ich so langsam keine Lust mehr hatte, zu stehen.

„Bis zum Ende des Schuljahres besucht sie dieselben Kurse wie du. Ihr habt ja bald ohnehin nur noch in den Klassen Unterricht. Und nächstes Jahr wählt sie ihre eigenen Kurse.“ Ich nickte nur stumm. Na toll! Jetzt hatte ich bis zum Ende des Schuljahres den gesamten Unterricht mit ihr zusammen.

Die ersten Menschen kamen aus der Tür heraus. Die meisten waren geschäftige Business-Menschen, die nur für ein paar Tage in London waren und nur kleine Handgepäckkoffer dabei hatten. Aber es waren auch vereinzelt welche dabei, die etwas größere Koffer hinter sich herschoben. Ping! Mein Handy kündigte schon wieder eine neue Nachricht an. Dieses Mal war es eine Nachricht von meinem ‚absoluten Lieblingsbruder auf der Welt‘. So hatte sich Jonny eingespeichert als er wieder mal einfach so mein Handy an sich genommen hatte. Aber im Gesamten mochte ich meinen Bruder schon, obwohl er ein Jahr jünger und eine Nervensäge war. Ich öffnete die Nachricht. Die von meinem Bruder öffnete ich meistens immer sofort, denn er schrieb wirklich nur, wenn es wichtig war.

„Wen willst du heute reiten?“, fragte Jonny mich.  „Bzw. soll ich einen für dich übernehmen?“

„Nein“, schrieb ich. „Vargan bekommt heute neue Hufeisen und mit Timber habe ich Springstunde. Nero reite ich vorher.“

Ich schrieb schnell, weil Mum aufgeregt andeutete, dass ich das Handy weglegen sollte. „Ich glaube, da kommt sie!“, sagte meine Mutter und steckte ebenfalls das Handy weg. Sie streckte das Schild hoch. Ich stand langsam auf. Ein dunkelblondes, relativ großes Mädchen mit zwei Koffern kam auf uns zu. Da war sie!

„Hi, ich bin Ella“, sagte sie auf Englisch und es hörte sich gar nicht mal so schlecht an. „Schön, dich kennenzulernen. Ich bin Loraine Besson, aber du kannst mich Loraine nennen. Und das ist meine Tochter Krisi“, sagte Mum. Ich lächelte bloß und zog es vor, nichts zu sagen. Ella war tatsächlich ziemlich groß und ihre dunkelblonden Haare hatte sie zu einem einfachen Pferdeschwanz gebunden. Sie hatte grüne Augen. Im Allgemeinen war sie recht hübsch. Und irgendwie bescherte mir das kein gutes Gefühl in der Magengegend. Ach was! Vielleicht sollte ich einfach versuchen, alles etwas positiv zu sehen?

„Wie wär’s, wenn wir zum Auto gehen?“ Mum versuchte ein Gespräch anzufangen. Ich war nur froh, dass wir endlich den Flughafen verließen. Am Auto verstauten wir erstmal Ellas Blümchenkoffer und ihren rosafarbenen Handgepäckskoffer im Kofferraum. Ich setzte mich wieder auf den Beifahrersitz, obwohl meine Mutter mich lieber neben  Ella auf dem Rücksitz gesehen hätte. Aber ich hatte gekonnt ihre mahnende Geste übersehen. Dieses Mal machte Mum das Radio nicht an, wohl hoffend, dass wir über irgendetwas reden würden. Natürlich machte sie den Anfang bevor sie den Blinker setzte: „Wie war dein Flug, Ella?“

„Der Flug war in Ordnung“, sagte das Mädchen kurz und knapp.

„Schön, Krisi und ihr Bruder müssen nachher noch in den Stall und die Pferde reiten. Wenn du willst kannst du mitkommen, ich hatte eh vor die beiden zu fahren.“

‚Wow, danke Mum‘, dachte ich. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Ich konnte es nicht leiden, wenn mir Fremde beim Reiten zuschauten. Ich befürchtete dann immer, dass sie über mich lästern würden.

„Gerne, wenn`s kein Problem ist“, sagte Ella.

Da die Frage an mich gerichtet war, musste ich wohl antworten: „Ne, ne, ist kein Problem. Jonny und ich hatten nur vor, früher loszufahren, weil wir vorher noch Nero und Carly reiten wollen.“ Ich fand, dass ich damit genug geredet hatte und zog mein Handy heraus, um endlich Nico zu antworten.

„Und? Lebst du noch oder bist du schreiend aus dem Flughafen gerannt?“, hatte Nico geschrieben. Ich musste ein Lachen unterdrücken. Oh Mann! Sowas konnte aber auch nur er schreiben.

„Nein, keine Sorge“, schrieb ich. „Ich lebe noch. Wir sind gleich zu Hause und fahren dann zu den Pferden. Jonny und ich reiten schon etwas früher als geplant. Ella kommt auch mit. Ich habe nicht wirklich Lust darauf, dass sie mir dabei zuschaut.“

Wir waren bereits auf der Autobahn, als ich die Nachricht abschickte. Im Auto herrschte ein peinliches Schweigen. Die ganze restliche Fahrt zog sich total. Normalerweise dauerte sie nie so lange. Generell war es völlig entspannt in einem Vorort von London zu leben, weil sich eigentlich kein Tourist für uns interessierte. Unser Dorf hatte nicht wirklich etwas zu bieten wie die anderen Vororte. Manchmal fühlte es sich sogar so an, als würden wir in einem Dorf wohnen. Aber jetzt war Ella da. Zum Glück lag unsere Schule nur ca. 15 Minuten von London entfernt, was echt praktisch war. So konnten wir bei Museumsbesuchen oder sonstigen Schulausflügen nach London uns schon vor Ort treffen und mussten nicht zuerst noch zur Schule. Zu Hause angekommen, halfen wir erstmal Ella mit ihrem Gepäck.

„Ich gehe schon mal rein und meine Reitsachen anziehen“, sagte ich und machte das Gartentor auf.

„Du könntest Ella vorher ihr Zimmer zeigen.“ Mum hörte sich streng an. Sie schloss den Kofferraum.

Ich drehte mich um und sah zu Ella: „Soll ich dir was abnehmen?“

„Ne, geht schon“, sagte sie während sie ihren Koffer mit beiden Händen über unser unebenes Gartenpflaster zerrte. 

Wir gingen durch unseren Vorgarten rüber zur Haustür, die ich aufschloss. Ella trat hinter mir ein. Unser Eingangsbereich war eigentlich recht groß. Wenn man nach rechts ging, kam erst die Garderobe, wo sämtliche Jacken aufeinanderhingen. Danach kamen Küche, Esszimmer und Wohnzimmer, die miteinander verbunden waren. Außerdem waren in der unteren Etage noch ein Gästeklo und das Arbeitszimmer von Paps. Geradeaus gab es noch eine Treppe, die nach oben führte und eine zweite, die runter in den Keller ging. Gerade als die Tür hinter uns  ins Schloss fiel, rannten mir unsere zwei Hunde entgegen und sprangen an mir hoch. „Corny, Rocket aus! Geht wieder ins Körbchen!“, sagte ich, bevor die beiden meine Hose vollsabbern konnten. Corny, Jonny`s Australian Shepard, und Rocket, mein Australian Terrier, liefen schwanzwedelnd zurück ins Wohnzimmer. Zu spät! Auf meiner Hose war ein Fleck zu erkennen. Na super!

„Schaffst du es mit den Koffern nach oben?“, fragte ich Ella. Sie nickte bloß. Von oben hörte man laute Musik. Das kam vom Zimmer, das gegenüber der Treppe lag. „Jonny!“ Ich schrie fast und ging, ohne auf Ella zu achten, die Treppe hoch und riss seine Tür auf.

„Was ist?“, schrie mein Bruder zurück.

„Mach die Musik leiser und zieh dich um“, sagte ich und schloss die Tür wieder. Ella war inzwischen die Treppe hochgekommen.

„Sorry, normalerweise ist Jonny nicht so“, sagte ich und lächelte verlegen.

„Okay, verstehe.“ Ella lächelte ebenfalls.

„Das ist dein Zimmer!“ Ich zeigte auf die nächste Tür. „Dort ist das Badezimmer und das Zimmer neben Jonnys ist das unserer Eltern.“

Ella nickte. „Und welches ist deins?“

„Meins ist das dort hinten.“ Ich zeigte auf das Zimmer, das am Ende des Flurs lag, und beeilte mich, dort zu verschwinden. „Wir treffen uns in 10 bis 15 Minuten unten.“

In meinem Zimmer warf ich meinen Rucksack aufs Bett. Ich schob meine Schranktür auf und nahm meine dunkelblaue Reithose und ein schwarzes T-Shirt von ‚Why don`t We‘, das ich öfter mal zum Reiten trug, heraus. Dazu wählte ich noch ein paar schlichte, schwarze Reitsocken. Schnell zog ich mich um und flocht mir noch zwei Zöpfe. Zum Schluss  griff ich noch nach dem neuen Halfter und der roten Schabracke, die ich am Morgen in der Eile auf mein Bett geworfen hatte.

Ella wartete schon zusammen mit meiner Mutter und Jonny unten. „Dann lass uns mal los. Wann habt ihr Reitstunde?“, fragte Mum mich und Jonny.

„Um 16:30 Uhr“, sagte Jonny abwesend, weil er gerade irgendetwas auf seinem Handy tippte. Wir stiegen ins Auto und fuhren los. Mit dem Auto dauerte die Fahrt keine fünf Minuten und so war sie dieses Mal nicht ganz so unangenehm.

Mum fuhr auf den Parkplatz, der sich vor dem Stall befand und stellte den Motor aus. „Jonny, gehen wir direkt die Ponys holen?“, fragte ich meinen Bruder und drückte Mum die Schabracke in die Hand. Ich stieg auf mein altes Stallfahrrad, um damit schneller zu Nero und Carly zu kommen. Die meisten Einställer hatten ein altes, fast kaputtes Fahrrad am Stall stehen, weil die Wege hier zu lang und das Gelände sehr weitläufig waren.

„Ja klar!“, sagte John und wandte sich an Mum: „Wir treffen uns am Putzplatz, ja?“ Jonny nahm ebenfalls sein Fahrrad und legte sein Halfter, das genauso wie meins noch neu war, in den Korb.

Unterwegs schnaufte ich durch. Fürs Erste hatten wir Ruhe und waren weg von Mum und Ella. Wir fuhren den Weg an der Weide entlang. „Wie findest du die Austauschschülerin?“, fragte Jonny und sah nach hinten zu mir. Fast wäre er dabei hingeflogen, weil er ein Schlagloch übersehen hatte.

„Ich glaube sie ist ganz nett. Allerdings habe ich noch nicht wirklich mit ihr geredet.“ Ich musste mich wirklich konzentrieren, um nicht auch noch hinzufallen.

„Ich auch nicht. Mum hat ihr vorhin das WLAN-Passwort gegeben und dann hat sie erstmal ihre Eltern angerufen.“ Jonny strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. „Lassen wir die Fahrräder gleich an der Weide stehen?“

„Können wir machen, aber wer holt die dann nachher?“, fragte ich. „Oder wollen wir die Ponys nochmal rausstellen? Würde ihnen ja nicht schaden!“

„Carly! Nero!“, rief Jonny und machte das Tor auf. Von irgendwoher weiter hinten hörte man ein leises Wiehern. Bald darauf kamen uns das Bucksin-Pony und das eher rötliche Pony, was keinem Fuchs, sondern eher einem Red Roan entsprach, entgegen. Sofort, nachdem sie bei uns angekommen waren, suchte Nero meine Hosentaschen nach Leckerlies ab. Doch zu seiner Enttäuschung fand er keine und sah mich fast vorwurfsvoll an. „Bekommst am Stall dein Leckerli“, sagte ich und halfterte Nero auf.

„Ich bin viel zu faul, um zu laufen!“ Jonny legte den Strick um Carlys Hals. Er führte den Welsh-Wallach an den Zaun, um von dort aufzusteigen. Ich lachte und schüttelte den Kopf: „Wenn Mum dich so sehen würde!“

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