Joana Kern (2020)

Okay.

Das war kein Satz, aber okay.

Hallo.

Ich versuche gerade, nichts mehr zu löschen und alles einfach so zu lassen. Das ist schwierig. Tippfehler werde ich trotzdem rausholen, sonst werde ich letztendlich nur noch unzufrieden mit dem Ergebnis sein.

Dann eben in Briefform.

Was ich eigentlich schreiben will? Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung. Nein, ich weiß es nicht.

Anfangs wollte ich ja einfach einen beeindruckenden Ausschnitt eines Textes schicken, den ich in den letzten Wochen geschrieben habe. Dann wollte ich lieber über das Stipendium schreiben. Es hat nicht so richtig funktioniert.

Was soll ich hier erzählen?

Das Stipendium war nicht irgendwie schön oder toll, es war fantastisch, und das meine ich ernst. Das Gespräch mit Sabine war jede Woche erneut ein Highlight, ich hoffe, das weiß sie auch. Wenn nicht, hier hast Du es schriftlich! Nachher war ich immer unheimlich aufgedreht und wollte bis tief in die Nacht schreiben.

Ich muss gestehen, ich habe ein bisschen Angst, dass ich nicht weiterschreiben werde. Es ist schwierig, dran zu bleiben. Nicht weil ich irgendwie Schreibblockaden habe – manchmal auch, aber es geht – sondern weil es so viel einfacher ist, sich ein Buch zu nehmen und zu lesen, ein Computerspiel zu spielen, etwas zu zeichnen und dabei in Musik zu schwelgen. Ohne dir schmeicheln zu wollen, danke. Du müsstest mich nicht weiterhin unterstützen, mir E-mails schicken und mich daran erinnern, mal wieder ein paar Gedanken zu Geschichten zusammenzubasteln.

Jetzt klinge ich doch wieder so, wie ich eigentlich nicht wirken wollte. Allerdings glaube ich, das musste mal gesagt werden.

Dieser „Brief“ gefällt mir besser als die Versuche davor, also wird es das wohl werden. Es ist kürzer und wahrscheinlich weniger spannend und ich sollte es nicht viel länger ziehen.

Und diese letzten Sätze würde ich gerne löschen.

Und den auch.

Und plötzlich klingt es wieder in Ordnung.

Zumindest in meinen Ohren, wobei Ohren hier ziemlich inkorrekt ist. Was ich meine, Geschriebenes wirkt auf jeden unterschiedlich, nicht nur, weil wir unterschiedliche Geschmäcker haben.

„Stimme Worte klingen anders.“

Ha!

Tiefgründiger, poetischer Satz am Ende.

Ich will gar nicht so richtig Schluss machen, das merkt man wahrscheinlich. Aber wenn ich jetzt noch ein „weniger ist mehr“ hinterherschiebe, nimmt es doch seltsame Formen an.

Ich könnte ein Postskriptum anhängen. Das wirkt nachher besser.

Also, bei wem verabschiede ich mich?

Und wie?

Danke an Sabine Blazy, ich habe nicht vergessen, dass Du noch eine Danksagung wolltest, wenn ich irgendwann einen Roman veröffentliche.

Und an die Organisatoren des Stipendiums, die ich nicht kenne. Zumindest nicht persönlich. (Mehr sollte ich nicht schreiben, oder? Und auch kein Smiley. Sonst nimmt mich niemand mehr ernst!)

Und an – egal. Nicht löschen.

Joana Ende.

PS: Hehehe.

Nicht witzig.

War ja angekündigt.

Joana Ende.

Okay.

Das ist immer noch kein Satz, aber okay.

Hier kommt doch noch etwas, was ich mit Hilfe von Sabine in den letzten Monaten geschrieben habe. Eines der kürzesten Projekte; zu einer Postkarte eine Kurzgeschichte schreiben. Sie ist ein wenig traurig, aber persönlich finde ich sie auch sehr schön:

„Der Herbst ist früh dieses Jahr, meinst du nicht? Es ist kalt draußen und schon seit Wochen fallen die Blätter von den Bäumen. Und dieser unverkennbare Geruch nach Erde und Moder kündigt unsere größte Angst an: Den Tag der Träumer.

Hach, Katerchen, Katerchen, dein sorgloses Leben will ich haben! Ich glaube nicht, dass ich in diesen Tagen die Kraft finden werde nach meinem Sohn in der Stadt zu sehen! Sein kleines Lieschen mit der wilden Mähne ist in Gefahr, und er sieht es nicht! Niemand sieht es, außer mir…

Ich habe bereits daran gedacht, einfach nicht zurückzukehren, Katerchen. Doch alte Bäume verpflanzt man nicht.

Sieh einmal, wie ich zittere, Katerchen! Denkst du auch, ich sei wunderlich? Bin ich das? Beinahe hoffe ich schon, dass ich verrückt bin. Doch ich fürchte um die Kinder, die jedes Jahr ausgewählt werden. Was wohl hinter den Mauern der Burg vor sich geht? Ich stelle mir vor, wie das Lieschen zwischen den kalten Steinen hockt und weint, allein.

Ja, meine Ängste, meine Sorgen. Dabei ist der Herbst doch so schön, nicht wahr? Kalt und nass und windig. Schützt dein weicher Pelz dich auch gut, mein Kleiner? Wirst du wieder die sterbenden Blätter jagen? Du bist doch beinahe so alt wie ich, Katerchen!

Ich werde den Winter nicht mehr erleben, Katerchen. Ich werde von dieser Welt gehen, und Blätter werden meinen schönen Schaukelstuhl im Wald bedecken, Efeu wird ihn bewachsen, bis er wie ich zu Staub zerfällt. Und dass das nicht mehr lange dauern kann fühle ich in meinen Knochen, das sehe ich an meiner Haut und meinem Haar. Beinahe herbstlich fühle ich mich in diesem Körper! Ob der Wind wohl meine Seele auffängt und weit hinausträgt, über den Wald, fort von dem verfluchten Gemäuer und hinauf auf die Berge… ?

Wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich bereits das kalte Wasser eines Sees, umrahmt von gewaltigen, uralten Tannen. Diese kleinen Fische würden dir Freude bereiten, Katerchen. Du könntest tagelang dort hocken! Katerchen? Katerchen! Bist du schon fort? Oder bin ich es, die gegangen ist? Dabei wäre diese Hütte dort am Steg genau das Richtige für uns! Besonders jetzt, denn siehst du, aus dem grauen Himmel fällt bereits der erste Schnee! Aus den Fenstern kommt solch ein schönes, warmes Licht… Ein Kamin ist es, ein prasselndes Feuer! Es knistert und knackt so beruhigend. Fühlst du die Wärme? Ich bleibe hier, werde sitzen in dem gemütlichen Sessel, und schlafen, einfach schlafen.

Trägst du meinem Sohn meine Grüße zu? Und sorge dich um das Lieschen, das hübsche Lieschen mit den blauen Augen.

Oh, aber da bist du ja, Katerchen! Da bist du ja auch.“

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